Das ist die
Realität dort. Wovon allerdings (unser
Verteidigungsminister - AR.) Jung und andere schweigen ... ist
folgendes: die Selbstmordrate der Frauen in
Afghanistan ist noch nie so hoch wie jetzt
gewesen. 65 Prozent der 50 000 Witwen in Kabul sehen im Selbstmord
eigentlich die Erlösung ihres miesen Lebens. 95 Prozent der
Frauen in Afghanistan leiden an
Depressionen. Die Lebenserwartung der
Frauen ist dort nur 44 Jahre. 80 Prozent der Heiraten werden nach wie
vor erzwungen ... Und 54 Prozent der neugeborenen Kinder sind
unterentwickelt. Dabei gibt es nur
ein einziges öffentliches
Kinderkrankenhaus und nur eins von fünf Mädchen
besucht die Grundschule, eins von 20 Mädchen besucht eine
aufbauende, eine Secondary School. 200 000 junge
Mädchen und Jungen sind
vollkommen von jedem Schulbesuch ausgeschlossen. Die UNICEF sagt, dass
50 Prozent der Kinder und Jugendlichen keinen Schulzugang haben. Welche
Zeitung bringt das
eigentlich?
Nicht die Afghanen die immer wieder eingeladen werden vom
Auswärtigen Amt, wie z. B. der Abgeordnete Gulabzoy, den ich
zitiert habe. Wir haben diese Zahlen von
einer jungen Abgeordneten,
Malalai Joya, die nicht vom Auswärtigen Amt, sondern von
unserer Fraktion, von unserer Kollegin Heike Hänsel eingeladen
worden ist. Diese Abgeordnete bringt solche
Zahlen des Elends, des Desasters -
nach einer Zeit von insgesamt sechs Jahren (der Besetzung Afghanistans
- AR.)
Nur zwei Prozent der Bevölkerung haben trotz der
Aufbauleistung, von der immer wieder geschwärmt wird, Zugang
zur Elektrizität. 60 Prozent leben nach den
Angaben der Menschenrechtskommission in
Kabul unter der Armutsgrenze. Und 50 Prozent leiden unter
Arbeitslosigkeit. Im kommenden Winter werden über 400 000
unter Armut und Hunger leiden. Und das
nach sechs Jahren, ich wiederhole es, Wiederaufbauteams, ISAF, ODeF,
Nato-Präsenz. Das ist die
Realität im Augenblick in Afghanistan.
"Die offenste Wirtschaft der Region"
... Die Bundesagentur für Außenwirtschaft hat in
ihrem Jahresbericht 2004 und 2005 Afghanistan als "eine der offensten
Wirtschaften überhaupt, die offenste
Wirtschaft in der Region" charakterisiert. Da
gibt es keine Handelsbeschränkung, keine Subventionen und
aufgeschlossen ist dieses Land für Investitionen - also ein
Dorado für Handels- und
Industrieunternehmen. Man muss dabei wissen, 90
Prozent der Waren, die dort gehandelt werden, sind Importe. Wenn man z.
B. einen Gouverneur an der Ostgrenze besucht, wie das bei meinem Besuch
im Juni war, so bekommt
man zum Frühstück Honig
aus Iran, Marmelade aus Pakistan, die Butter und den Käse aus
Holland. Nichts war dort aus Afghanistan, außer das Brot. Es
gibt nur
Trockenfrüchte und Brot, das in diesem Land noch hergestellt
wird. Es ist industriell vollkommen zusammengebrochen. Es gab einmal
eine Industrie.
Die investiven Staatsausgaben werden sämtlich durch
internationale Gebergemeinschaften investiert, die Zoll- und
Steuereinnahmen sind auf 200 Mio. US-Dollar gesunken. Das
sind gerade 4,5 Prozent des
Bruttoinlandsproduktes.
Man ist dabei hier ein neoliberales El Dorado aufzubauen. In einem an
sich armen, aber vielleicht sehr zukunftsträchtigen Land. ...
Das einzige, das sehr erfolgreich
ist, ist die Schlafmohnproduktion. Sie ist
im Jahre 2005 bis 2006 um 59 Prozent gestiegen. Trotz Krieg, trotz
Anti-Terror-Kampf usw. Sie ist im Jahre 2006 bis 2007 von 165 000 ha
auf 193 000 ha angestiegen, also
fast 30 000 ha. Und in der
Produktion von 6 200 t auf 8 100 t. Das sind jetzt 93 Prozent der
Weltproduktion an Schlafmohn und an Opium.
... während des Krieges, wo eigentlich nichts läuft,
hat sich auch in den Kriegsgebieten eine Produktion ausgedehnt, die im
Augenblick die einzige Grundlage einer
funktionierenden Wirtschaft ist.
Wer beherrscht Afghanistan?
... Ein renommierter internationaler Think Tank hat jetzt festgestellt,
dass bereits in über 50 Prozent des Landes - und zwar nicht
nur im Süden - die Taliban die
Oberherrschaft haben. Sie befürchten, dass
sich das Land teilen wird. Und dass diese Situation auch nicht
umkehrbar ist. Sie gehen von einer Irakisierung dieses Krieges aus. Das
machen sie unter anderem fest an
den Selbstmordattentaten.
Diese waren als Kampfform in Afghanistan völlig unbekannt. Von
2001 bis 2004 gab es ganze 5 Selbstmordattentate. Im folgenden Jahr
2005 gab es dann schon 17. Im
Jahre 2006 123 und im Jahre
2007 131. Auch eine andere Form des Irakkrieges hat geradezu
überall Platz gegriffen, nämlich die Setzung von
Landminen. Eine Kampfform, die den Gegner unter
größten Stress und in Panik versetzt.
Ein anderer Kronzeuge dieser Situation ist Lord Ashdown, bekannt als
Hoher Kommissar in Bosnien, ein "harter Hund". Der soll nun Tom Koenigs
von den Grünen
ablösen, der bisher Repräsentant der UNO in Kabul
gewesen ist. In seinen jüngsten Interviews nach seiner
Ernennung sagt Ashdown: "Afghanistan ist verloren." Die Nato habe in
Afghanistan verloren und ich zitiere
ihn: "Ich glaube, verlieren in
Afghanistan, ist schlimmer als verlieren im Irak. D. h. dass Pakistan
fallen wird. Und das wird ernsthafte Auswirkungen auf die Situation in
unseren eigenen
Ländern haben. Das wird einen größeren
schiitisch-sunnitischen Krieg auf einer höheren Stufenleiter
nach sich ziehen." Ich bin bei solchen Prognosen skeptisch, sie sind ja
auch immer gemacht, um dann gewisse
Konsequenzen daraus zu
ziehen. Seine Konsequenz ist denn auch: massive Truppenaufstockung. Das
wird seine Botschaft sein, wenn er in Kabul übernimmt.
Die Legende von ISAF und OEF
Wir müssen auch mit einer weiteren Legende aufräumen,
die von Verteidigungsminister Jung, und leider auch von anderen
politischen Kräften bis hin zu den
Grünen, vorgetragen wird. Das ist die
Trennung von ISAF und OEF.
Ich kann inzwischen zahllose Zitate von Kommandeuren der USA, aber auch
der Nato bringen. Diese Trennung wird nur aufrecht erhalten als eine
Legende für die
Europäer, weil sie Schwierigkeiten haben
mit dieser "Verbindung" von Krieg und Wiederaufbau. Letztendlich sind
ISAF und OEF austauschbar.
Bei meinem Besuch im Juni dieses Jahres habe ich schon in Paktia, einer
östlichen Provinz, erlebt, dass mir ein UNO-Beamter sagte,
neulich seien 4 000 OEF-Spezial-Forces in
ISAF-Krieger umgewandelt
worden. Das ist möglich, wenn man nur den Tac, den man mit
irgendeinem Klettverschluss festmacht, einfach umwidmet. Dann ist man
plötzlich ISAF. Das kann man
genauso wieder rückgängig machen.
Das heißt es gibt in der Praxis definitiv keine
Unterscheidung mehr.
Der Bruch der Genfer Konvention
... Dieser Krieg ist schon lange nicht mehr der Genfer Konvention
unterworfen. Das humanitäre Völkerrecht ist nicht
mehr das Koordinatensystem für
die Eingriffe, sondern das Koordinatensystem ist
der Gegner. Man argumentiert: Wenn der Gegner gegen das
humanitäre Völkerrecht verstößt,
was er in der Tat tut, dann können wir uns nicht dessen
Restriktionen
auferlegen lassen, weil es dann keine
Parität im Kampffeld gibt. Das ist die Logik dieses Kampfes
... Dieser Krieg ist schon lange ein schmutziger Krieg geworden.
Allmählich werden die Meldungen
nicht nur durch tote Zivilisten, sondern
durch Fälle der Misshandlung, der Folter der
willkürlichen Erschießung durchmischt. Die
US-amerikanische Zeitung "The Nation" hat vor kurzem Interviews mit 50
ehemaligen Soldaten
gebracht, die jetzt auf deutsch in der Zeitung "Mittelweg 36"
veröffentlicht worden sind. Und zusätzlich hat die
"American Civil Liberty Union" im September dieses Jahres 10
000 Seiten der Dokumentation
von Übergriffen amerikanischer und alliierter Truppen in
Afghanistan und im Irak gegenüber Zivilisten
veröffentlicht, was darin wohl steht?
Wenn man sich nur die paar Seiten der Interviews mit den ehemaligen
GI´s, die jetzt gesprochen haben, durchliest, dann kann man
sich vorstellen, was für eine
Brutalität der Fakten, was für eine grenzenlose
Verrohung, was für eine Entfesselung
äußerster Rücksichtslosigkeit in diesem
Krieg der Fall sind, und auch die Missachtung jeder Mitmenschlichkeit,
an der viele
GI´s zugrunde gegangen sind - auch dort ist die
Selbstmordrate sehr hoch. Von denen kommen viele,
wenn sie zurückgekehrt sind, in psychiatrische Behandlung.
Jetzt sprechen sie ...
Verrohung und Privatisierung
...Über 30 Prozent der Soldaten in Afghanistan sollen Opfer
der Minen sein. Das hat eine ungeheure Wirkung auf die Soldaten. Sie
ziehen sofort blank und
schießen Salven ab, gegen Zivilisten, die sie
nicht identifiziert haben. Denn ihnen wird auch gesagt, jeder Afghane,
der auf dich zugeht, ist ein Terrorist, den musst du umlegen. Dies ist
das Problem. Das
heißt, verängstigte und - nehmen wir
einmal an - gut ausgebildete Soldaten sind unter dem Terror ihrer
eigenen Angst nicht anders zu halten als dass sie bei der ersten
Gelegenheit mit den Waffen, die sie zur
Genüge um sich herumtragen, auch
losschießen, egal wen es trifft. Hinzu kommt etwas, das auch
bekannt ist. Im Irak stehen im Augenblick so gut wie 130 000 Soldaten.
Das ist nur die Hälfte
dessen, was dort an Militär steht. Es
gibt 160 000 Söldner von Privatfirmen. Das ist etwas, was auch
in Afghanistan gang und gäbe ist. Das sind die so genannten
Sicherheitsfirmen, 90 an der Zahl, 35 haben nur
eine Lizenz. Die kanadischen
Soldaten z. B. werden alle durch solche Privatfirmen
geschützt. Zwischen 18 500 und 28 000 solcher Söldner
gibt es. Nehmen wir 25 000. Das sind aktive
Militärs. Und, wie wir aus den Diskussionen
wissen, sie unterliegen faktisch keiner Kontrolle. ... Das ist eine
Truppe, die nur an Cash interessiert ist, den sie nach Hause bringen
wollen, wenn sie denn dahin kommen ...
* Aus: UZ, 51/52, 21. Dezember 2007
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Perspektiven
für Frieden, Wiederaufbau und
Entwicklung in Afghanistan
VENRO-Positionspapier
Bonn, 2. Oktober 2007 – Spätestens seit Mitte des
Jahres 2006 ist unübersehbar, dass die Bemühungen um
Frieden, Wiederaufbau und Entwicklung in Afghanistan zu scheitern
drohen. In verschiedenen Regionen des Landes sind die
Auseinandersetzungen mit „oppositionellen bewaffneten
Gruppen“, darunter den Taliban, militärisch
eskaliert. Das Unvermögen der Regierung Karzai und der
internationalen Gebergemeinschaft, funktionsfähige staatliche
Strukturen aufzubauen, hat die innenpolitischen Spannungen
verschärft und zu einem erheblichen Vertrauensverlust in der
Bevölkerung geführt. Die Rückkehr der
Taliban, die inzwischen im Süden und Osten immer mehr Gebiete
unter ihren Einfluss bringen, ist hierbei das signifikanteste Anzeichen
für ein Scheitern.
Angesichts der zunehmenden Anschläge auf Soldaten der
Bundeswehr und Mitarbeiter deutscher Hilfsorganisationen wird in
Deutschland zur Zeit intensiv über die Frage der geeigneten
Strategie für den Aufbau Afghanistans diskutiert. Die
Bundesregierung hat dazu am 5. September ein neues Afghanistan-Konzept
1
vorgelegt, und im Oktober/November 2007 wird der Deutsche Bundestag
über die Verlängerung der drei Afghanistan-Mandate
(International Security Assistance Force/ISAF, Tornado-Einsatz und
Operation Enduring Freedom/OEF) entscheiden. VENRO und insbesondere
seine in Afghanistan tätigen Mitgliedsorganisationen wollen
mit diesem Positionspapier einen Beitrag zur politischen und
strategischen Debatte leisten. Die in Afghanistan derzeit engagierten
deutschen Nichtregierungsorganisationen NRO, u. a. Caritas
international, Deutsche Welthungerhilfe, Malteser International, medico
international, medica mondiale, Misereor, Afghanistan-Schulen, haben
durch ihre nachhaltigen zivilgesellschaftlichen Aktivitäten
einen engen Kontakt zur afghanischen Bevölkerung und tragen
wesentlich zum zivilen Wiederaufbau Afghanistans bei. Anders als die
deutsche Bundesregierung, die ihr Afghanistan-Engagement unter anderem
mit dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus legitimiert
2,
gründen die deutschen NRO ihr Afghanistan-Engagement auf die
extreme Notlage der afghanischen Gesellschaft.
VENRO und seine in Afghanistan tätigen Mitgliedsorganisationen
plädieren für einen nachhaltigen Strategiewechsel
beim Wiederaufbau Afghanistans: Frieden, Wiederaufbau und Entwicklung
können nur gelingen, wenn die militärische
Gewaltspirale beendet, das Primat der militärischen
Konfliktlösung durch einen verstärkten zivilen
Wiederaufbau abgelöst und das Vertrauen der afghanischen
Bevölkerung zurück gewonnen wird. Aus Sicht der
deutschen NRO sollte die „Operation Enduring
Freedom“ so schnell wie möglich eingestellt werden,
weil sie sich politisch als kontraproduktiv herausgestellt hat. Da
Versöhnung und Friedenskonsolidierung nicht von
außen, sondern nur von innen gelingen können, ist
politischen und polizeilichen Maßnahmen Vorrang
einzuräumen, denen die ISAF unterstützend zur Seite
stehen sollte. Der Wiederaufbau von unabhängigen afghanischen
Militär- und Polizeiverbänden muss daher entschlossen
und mit Rücksicht auf die ethnische Heterogenität des
Landes vorangetrieben werden.
1 Afghanistan-Konzept der Bundesregierung, Hrsg.
Auswärtiges Amt, Bundesministerium des Innern,
Bundesministerium der Verteidigung, Bundesministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 5. September 2007.
2 Vgl. Afghanistan-Konzept der Bundesregierung,
S. 1.
1. Failed Aid? Schwierige Rahmenbedingungen
Die aktuelle Lage in Afghanistan, einem der ärmsten
Länder der Welt, ist durch komplexe, vielschichtige und
besorgniserregende Problemlagen gekennzeichnet, für die es
keine schnellen oder
einfachen Lösungen gibt. Aus Sicht der NRO und ihrer
zivilgesellschaftlichen afghanischen Partner ist eine
Auseinandersetzung mit folgenden zentralen
Problemkreisen vorrangig:
- die sich zunehmend verschlechternde Sicherheitslage, die eng
verknüpft ist einerseits mit der insbesondere durch die
asymmetrischen Kämpfe zwischen
OEF-Truppen und Aufständischen vorangetriebenen Gewaltspirale
(mit hohen zivilen Opferzahlen) und
andererseits mit dem Versäumnis, nach dem Sturz der Taliban
die Milizen und Truppen
von Warlords erfolgreich zu entwaffnen;
3
- das Vermischen von ziviler und militärischer Hilfe, wie es
sich beispielsweise im PRTKonzept zeigt (PRT = Provincial
Reconstruction Team);
- der offensichtlich im Scheitern begriffene Abstimmungsprozess
zwischen den internationalen Akteuren (Interventionskräfte und
Anrainerstaaten), die
– statt mit einer kohärenten Strategie –
mit je eigenen Zielen und Absichten agieren;
- das Versagen der neuen afghanischen Regierung beim Staatsaufbau;
4
- das Fortdauern einer Kultur der Gewalt nach fast 30 Kriegsjahren;
- massive Kernprobleme wie beispielsweise die Rückkehrer-/
Flüchtlingsfrage, die Benachteiligung
von Frauen, die Korruption und die sich ausweitende
Drogenökonomie;
- die extreme Armut weiter Teile der Bevölkerung.
Auch wenn nach dem Fall der Taliban manche Erfolge zu verzeichnen sind
– zum Beispiel in den Bereichen Gesundheitsversorgung,
politische Mitsprache von
Minderheiten, Schulbildung –
hat ein immer größer werdender Teil der afghanischen
Bevölkerung massive Akzeptanzprobleme hinsichtlich der
internationalen Akteure wie auch der afghanischen
Regierung unter Präsident Karzai.
Aus einer Außen- und Innensicht
stellt sich Afghanistan als ein Land dar, das derzeit immer tiefer in
den Strudel eines „failed and narco
state“ zu versinken droht.
Die Erwartungen und Hoffnungen der afghanischen Bevölkerung
nach dem Sturz der Taliban haben sich nicht erfüllt. Damit
steht der Einsatz der
internationalen Hilfe insgesamt an einem Scheidepunkt. Daher
plädieren die in Afghanistan
tätigen Hilfsorganisationen für einen nachhaltigen
Strategiewechsel beim Wiederaufbau. Nur wenn die oben angesprochenen
Problemlagen entschlossen angegangen werden, kann der Aufbau
Afghanistans gelingen.
Notwendig ist die Rückgewinnung des Primats der Politik und
damit ein Ende
der Vorrangstellung militärischer Gewaltmittel.
Der Richtungswechsel muss alle Ebenen und Institutionen Schritt
für Schritt mit einschließen:
die afghanische Zivilgesellschaft (inklusive der traditionellen
Führer, Stammesältesten etc.), die
sich im Aufbau befindenden afghanischen staatlichen Institutionen, die
UN- u. EU-Behörden, die Geberländer und ihre
Vertretungen, ISAF-Truppen, die
Regierungen der Anrainerstaaten (vor allem Pakistan u. Iran),
staatliche Akteure der
Entwicklungszusammenarbeit und NRO.
Eines der schwerwiegenden Probleme für die Arbeit der NRO
resultiert aus dem Konzept der zivil-militärischen
Zusammenarbeit, das von der Bundesregierung und anderen Regierungen,
die im Rahmen von ISAF und OEF engagiert sind, aktiv verfolgt wird. Die
Bundesregierung betrachtet das Modell der
„zivil-militärisch vernetzten Sicherheit“
und die regionalen zivil-militärischen Wiederaufbauteams
(Provincial Reconstruction Teams/PRTs) als
„Erfolgsmodell“5 (vgl. hierzu das
Afghanistan-Konzept der Bundesregierung). Aus Sicht der NRO ist nicht
nur die Tatsache problematisch, dass die staatliche
Entwicklungszusammenarbeit zusehends in eine engmaschige Kooperation
mit der Bundeswehr eintritt, zum Beispiel im Rahmen der sogenannten
„Provincial Development Funds“, und dabei ihre
Eigenständigkeit zu verlieren droht, sondern auch, dass das
Militär um die „Herzen und Köpfe“
der Menschen zu gewinnen, immer mehr Aufgaben im Bereich Wiederaufbau
und humanitärer Hilfe wahrnimmt. Aus der
zivil-militärischen Vermischung ergeben sich für NRO,
die sich um Neutralität bemühen, seit geraumer Zeit
immer größere Gefährdungen. Einige NRO
haben in den letzten Jahren ihre Hilfe in Afghanistan unter anderem mit
dem Hinweis eingestellt, dass aufgrund der Instrumentalisierung des
humanitären Mandats durch das Militär eine
unabhängige Hilfe nicht mehr leistbar ist. Nach den
Balkan-Kriegen geht es im Fall von Afghanistan erneut um die
grundsätzlich zu diskutierende Frage, welchen Nutzen oder
Schaden die Verquickung von ziviler und militärischer Hilfe
nach sich zieht.
In der afghanischen Bevölkerung wird der Kampf gegen den
Terror, der von US-Streitkräften und ihrer
Verbündeter unter dem Begriff „Operation
Enduring Freedom“ geführt wird, aufgrund der hohen
zivilen Opferzahlen massiv abgelehnt. Auch bei den
Einsätzen der NATO-geführten ISAF-Truppen, die sich
immer mehr mit den Aktivitäten von OEF
vermischen, werden in jüngster Zeit zunehmend Tote unter der
Zivilbevölkerung als
„Kolateralschäden“ und damit eine
Verletzung des humanitären Völkerrechts in Kauf
genommen. Der dadurch erlittene Vertrauensverlust bei der afghanischen
Bevölkerung wiegt schwer.
6
3 UN-Statisiken sprechen von ca. 1.400
getöteten Zivilisten im
1. Halbjahr 2007.
4 Vgl. die Analyse von Citha D. Maaß,
Afghanistan:
Staatsaufbau ohne Staat, SWP-Studie, Februar 2007.
5 Vgl. Afghanistan-Konzept der Bundesregierung
vom 5. September 2007,
S. 14.
6 Dies beklagt auch ACBAR, der Dachverband der
NRO in Afghanistan, in
einer Stellungnahme vom 19.7.2007 mit dem Titel „Protecting
Afghan civilians: Statement on the
conduct of military operations“.
Forderungen:
- Da der Kampf gegen den Terror, der von den
„Coalition
Forces“ unter dem Begriff „Operation Enduring
Freedom“ geführt wird, sich als
kontraproduktiv herausgestellt hat und von der afghanischen
Bevölkerung massiv abgelehnt wird, muss OEF
so schnell wie möglich beendet werden. Um künftig
zivile Opfer zu vermeiden, müssen
sofort alle militärischen Aktionen eingestellt werden, bei
denen auch die Zivilbevölkerung gefährdet ist.
- Die ISAF-Verbände sollen sich zukünftig
ausschließlich auf ihre Kernaufgabe, die
militärische Friedenssicherung konzentrieren und den
Wiederaufbau zivilen Akteuren
überlassen. Die bislang stattgefundenen
zivil-militärischen
Wiederaufbau-Aktivitäten müssen von
unabhängiger Stelle hinsichtlich ihrer Wirkung, Effizienz und
Nachhaltigkeit
evaluiert werden.
- Die ISAF muss sich entschlossen um die Entwaffnung von
Milizen,
„Warlords“ und anderer unkontrolliert agierender
Kampftruppen bemühen. Sowohl zivile
als auch militärische Kooperationen mit Kriegsverbrechern,
Drogenbaronen und „Warlords“
müssen ausgeschlossen werden. An der Entscheidung
über die Dauer des ISAF-Mandats sollen die
Afghanen auf geeignete Weise beteiligt werden (z.B. durch die
Einberufung einer
repräsentativen Loya Jirga oder durch Abstimmungen).
- Eine Abkehr vom Primat des Militärischen muss
sich auch in
der Bereitstellung von Finanzmitteln widerspiegeln.
Gegenwärtig werden aus dem Bundeshaushalt pro
Jahr mehr als 530 Millionen EUR für den
Militäreinsatz (inkl. des unter
Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten fraglichen Tornado-Einsatzes) ausgegeben.
Für den zivilen Aufbau stehen
im Jahr 2007 100 Mio. EUR zur Verfügung, ab 2008 sind 125 Mio.
EUR vorgesehen.
Dieses Missverhältnis von Ausgaben für
militärische und zivile Zwecke muss
zumindestens in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht werden,
das heißt deutlich mehr
Finanzmittel für den zivilen Aufbau zur Verfügung
gestellt werden.
- Als eines der Kernprobleme gilt die Flüchtlings-
bzw.
Rückkehrerfrage, die seit Anfang 2002 mehr als 4,5 Millionen
Menschen in eine zerstörte Heimat
gezwungen hat. Diesen Menschen eine neue Perspektive zu geben, sollte
höchste
Priorität eingeräumt werden. Darüber hinaus
sollte sofort ein grundsätzlicher und unbefristeter
Abschiebestopp für alle im Ausland um Asyl nachsuchenden
Afghanen durchgesetzt werden.
2. Die Rolle der NRO
Die militärische Konfliktlösungsstrategie in
Afghanistan ist gescheitert. Aus Sicht der NRO kann die internationale
Hilfe und Unterstützung bei der Friedenssicherung nur
gelingen, wenn parallel zum Staatsaufbau („state
building“) auch der zivilgesellschaftliche Aufbau
vorangetrieben wird. Viele der gegenwärtig in Afghanistan am
Aufbau des Landes beteiligten internationalen NRO engagieren sich
bereits seit vielen Jahren, teils sogar schon seit Jahrzehnten im Land.
Sie können auf gewachsene Strukturen zurückgreifen
und verfügen über entsprechende Erfahrungen
hinsichtlich der Menschenrechtsarbeit und der Not- und
Entwicklungszusammenarbeit. Zu ihren Partnern und der
Bevölkerung haben sie dauerhafte und kontinuierliche
Beziehungen aufgebaut und streben die Umsetzung langfristiger und
prozessorientierter Kooperationen mit lokalen Akteuren an.
Die afghanische Geschichte lehrt, dass die Stärkung der
Zivilgesellschaft viel Zeit und Anstrengungen benötigen wird
und nur kultur- und konfliktsensibel geschehen kann. Ein
Schlüssel für die Gewinnung einer emanzipierten
Zivilgesellschaft wird in der schrittweisen Veränderung des
gesamtgesellschaftlichen Bewusstseins und in der Verwirklichung der
Menschen- und Freiheitsrechte für Mädchen und Frauen
sowie deren Zugang zu Bildung liegen. Ein weiterer Schlüssel
liegt in der Überwindung des heute noch tiefen Grabens
zwischen Stadt- und Landbevölkerung.
Die Langfristigkeit der durch NRO geförderten oder begleiteten
Projekte und Programme ist durch eine sich verschiebende sektorale und
regionale Schwerpunktsetzung seitens der internationalen Geber (auch
Deutschlands) bezüglich der Mittelvergabe nachhaltig
gefährdet. So hatte das deutsche Konzept „EZ aus
einem Guss“ vereinzelt die Aufgabe von Projektstandorten in
anderen als den nördlichen Provinzen zur Folge.
Realität ist zudem eine Vielzahl von Kurzzeitprojekten mit
Inhalten der Entwicklungsarbeit, die jedoch im Nothilfeformat
durchgeführt werden (z. B. dreimonatige
Alphabetisierungskurse).
Forderungen:
- Das Ziel der Bemühungen um die Stärkung
von
Zivilgesellschaft muss die Förderung von Demokratie und die
nachhaltige Verwirklichung von Menschenrechten sein.
Dem Schutz, der Gesundheit, der gesellschaftlichen Teilhabe und der
Freiheit von
Mädchen und Frauen sowie der Bildung muss eine herausragende
Aufmerksamkeit zuteil werden.
- Ein zentrales Ziel, um die „Kultur der
Gewalt“ zu
durchbrechen, ist die Versöhnung, die in Afghanistan unter dem
Begriff „mosaleha“ diskutiert
wird und für die es mehr internationale Hilfe geben muss
– sowohl fachlich als auch finanziell. Gegen
gelingende Versöhnungsprozesse spricht das kürzlich
durch die Karzai-Regierung
legitimierte Amnestiegesetz, das ehemaligen Kriegsverbrechern Schutz
gewährt. Die internationale
Gemeinschaft muss sich dringend für eine Rücknahme
des Gesetzes einsetzen und darauf
drängen, dass Kriegsverbrecher von unabhängigen
Gerichten bestraft werden.
- Die Stärkung der Zivilgesellschaft kann nur
gelingen, wenn
alle ethnischen und religiösen Minderheiten in der Gesamtheit
repräsentiert und
angehört werden. Hierfür sind weitgehende
föderale und partizipative Konzepte zu entwickeln und
umzusetzen. Auch die Zusammenarbeit mit traditionellen Führern
(vgl. die Arbeit der sogenannten
„Tribal Liasion Offices“) darf nicht per se
ausgeschlossen werden. Traditionelle
Konfliktlösungsmechanismen, wie sie beispielsweise in den
„Shuras“ und
„Jirgas“ geschehen, müssen dabei
miteinbezogen werden.
- Eines der größten wirtschaftlichen und
sozialen
Probleme stellt die Drogenökonomie dar, die derzeit die mit
Abstand größte Einnahmenquelle in
Afghanistan ist. Um die einfache Landbevölkerung aus der Falle
des Drogenanbaus zu befreien, braucht es
verstärkter Anstrengungen, die einerseits auf alternative
Einnahmequellen und andererseits auf
Aufklärung und Bildung bei der Landbevölkerung
abzielen sollten.
- Eine entscheidende Frage beim Aufbau der
Zivilgesellschaft liegt in
der Überwindung des in Afghanistan immensen
Stadt-Land-Gegensatzes, der sich unter anderem in
einem enormen Bildungsgefälle zeigt. Entsprechend muss beim
Einsatz der
internationalen Hilfe darauf geachtet werden, dass sie alle Regionen
Afghanistans erreicht. Gerade
vergleichsweise sichere Regionen, wie beispielsweise das Hazarajat,
dürfen jetzt nicht
vernachlässigt werden.
3. Perspektiven für den Aufbau Afghanistans
Aktuell leidet der Aufbau Afghanistans darunter, dass er zu wenig an
den Bedürfnissen der afghanischen Bevölkerung
orientiert und sehr häufig nicht an den landespezifischen
Gegebenheiten ausgerichtet ist. Der überwiegende Teil der
durch die internationale Gemeinschaft geförderten
Maßnahmen, wie beispielsweise Bildung, Staatswesen,
Gesundheitsversorgung, umfasst Bereiche, die bislang in Afghanistan
entweder gar nicht oder nur rudimentär vorhanden waren.
Dementsprechend wird in den meisten Entwicklungsmaßnahmen
Neues aufgebaut oder Bestehendes weiterentwickelt. Bei aller
Notwendigkeit, schnelle sichtbare Erfolge für Afghanistan zu
erzielen, sind die Langfristigkeit und Prozessorientierung wesentliche
Grundlage für ein weitergehendes Engagement der
internationalen Gemeinschaft. Nur so und unter enger Beteiligung der
lokalen Bevölkerung ist sowohl auf politischer Ebene als auch
in der Zivilgesellschaft eine tragund zukunftsfähige
Entwicklung denkbar.
Ferner sind für eine nachhaltige Entwicklung der Einbezug und
die Berücksichtigung aller Bevölkerungsteile
unabdingbar. Dies bedingt eine gender- und kulturgerechte Ausgestaltung
von jedweden Aufbau- und Entwicklungsinitiativen auf allen zivilen wie
auch politischen Ebenen. Bei Fragen der Zusammenarbeit muss einer
Pauschalstigmatisierung entgegen gewirkt werden, bei der konservative,
religiöse und lokale afghanische Kritik generell unter
„Terror- bzw. Taliban- Verdacht“ gestellt wird.
Für einen nachhaltigen Aufbau Afghanistans ist es notwendig,
humanitäre Hilfe, Wiederaufbau und Entwicklungszusammenarbeit
besser miteinander zu verknüpfen. Idealerweise sollte bei den
Projekten der Soforthilfe von Anfang an der konzeptionelle Grundstein
für eine sich selbst tragende, nachhaltige Entwicklung gelegt
werden. Entwicklungszusammenarbeit soll ihrerseits dazu beitragen, die
Anfälligkeit für Katastrophen zu verringern,
Katastrophenfolgen zu mildern und Menschen zur Selbsthilfe in
Katastrophensituationen zu befähigen. Der in LRRD
(„Linking Relief, Rehabilitation and Development“)
angelegte Gedanke des nahtlosen Übergangs von
humanitärer Hilfe zu Rehabilitation und
Entwicklungszusammenarbeit wird jedoch in der Projekt6
förderung der Bundesregierung durch die künstliche
Aufsplitterung der Gelder in stark untergliederte Einzelbudgets
konterkariert.
Forderungen:
- Öffentliche Fördermittel der
Bundesregierung
für NRO dürfen nicht nach außen- und
sicherheitspolitischen Kriterien vergeben werden, sondern
müssen sich an nachvollziehbaren und
überprüfbaren Bedarfskriterien orientieren.
- NRO benötigen mehr sektorale und regionale
Freiheiten und
mehr langfristige (finanzielle) Planungssicherheit hinsichtlich des
Einsatzes von Projektmitteln. Denn
es kann nicht nur um oberflächliche, schnelle
Demokratisierungserfolge gehen,
sondern um einen langfristig angelegten Entwicklungsprozess, der sich
an der gesellschaftlichen und
ökonomischen Realität vor Ort orientiert.
- Solange die zur Korruptionsbekämpfung
notwendigen Strukturen
nicht ausreichend entwickelt sind und es keine wirksamen
Anti-Korruptionsinstrumente
gibt, sollten weniger Mittel über afghanische
Regierungsinstitutionen kanalisiert
werden. Die internationalen Geber müssen bei der Zuweisung
ihrer Mittel Korruption
entgegenwirken, zum Beispiel durch den unter Federführung der
Weltbank erarbeiteten Antikorruptions-Aktionsplan für
Afghanistan.7
- Die Koordinierung der Hilfsmaßnahmen muss
verbessert
werden. Das erst 2006 ins Leben gerufene „Joint Coordination
and Monitoring Board“
(JCMB) hat bislang die Erwartungen nicht erfüllt und ist zudem
fast ausschließlich auf
den Staatsaufbau orientiert.8
- In den Diskussionen und Debatten um Afghanistan muss
deutlicher
werden, dass es beim Wiederaufbau des Landes vor allem um langfristige
Armutsbekämpfung geht. Dem pauschalen Terrorverdacht, unter
den das Land häufig gestellt wird, muss
entschieden entgegen gewirkt werden.
7 Damit wenden sich die in Afghanistan
tätigen deutschen NRO
ausdrücklich nicht gegen den Aufbau und die Stärkung
von Regierungsinstitutionen. Jedoch sind 2006 lediglich 44% des
afghanischen Entwicklungshilfebudgets tatsächlich abgeflossen.
8 Dem JCMB gehören neben der
afghanischen Regierung und UNAMA
sieben afghanische Minister und 23 internationale Geber-Vertreter an.
zum Anfang der
Seite
Kein
„Weiter so“: Afghanistan braucht
jetzt einen Strategiewechsel.
Erklärung von pax christi-Generalsekretär Dr.
Reinhard J. Voß
Am Freitag dieser Woche wird der Bundestag die Verlängerung
von zwei der drei Bundeswehr-Mandate in Afghanistan voraussichtlich mit
großer Mehrheit beschließen.
Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit
gegenüber dem afghanischen Volk und der Regierung Karsai
werden immer wieder als Hauptmotive dafür betont. Mit einem
„Weiter so“ ist es aber nicht mehr getan. Es muss
jetzt ein Strategiewechsel eingeleitet und mit dieser
Verlängerung der Bundeswehrmandate für ISAF und
Tornados verknüpft werden.
Das heißt auf jeden Fall: Ablehnung der Fortsetzung des
Enduring Freedom-Mandats, über das Ende dieses Jahres im
Bundestag abgestimmt werden soll, sowie eine klare Trennung von
Kriegseinsatz und Aufbaubemühungen. pax christi hat den
„Krieg gegen den Terror“ und den damit
begründeten Einmarsch in Afghanistan stets abgelehnt und sieht
diese Trennung seit dem Einsatz der Tornados nicht mehr gegeben.
Deshalb wendet sie sich der Forderung eines Abzugs der Bundeswehr als
deutlichem Zeichen eines Strategiewechsels zu. Notwendig sind die
Rückgewinnung des Primats der Politik, d.h. ein Ende der
Fixierung auf militärische
„Lösungen“, breiter
gesellschaftspolitischer Dialog und kompetenter Wiederaufbau
ökonomischer, rechtsstaatlicher und zivilgesellschaftlicher
Strukturen.
Viele in Afghanistan tätige Entwicklungsorganisationen (z.B.
Caritas International, Deutsche Welthungerhilfe und medico
international) berichten, dass sich die Erwartungen und Hoffnungen der
afghanischen Bevölkerung auf Besserung ihrer
Lebensverhältnisse nach dem Sturz der Taliban nicht
erfüllt hätten und viele sich ihnen deshalb wieder
zuwendeten.
pax christi befürchtet, dass sich die Bundeswehr im Rahmen der
ISAF-Verbände zukünftig nicht mehr auf die
„militärische Friedenssicherung“
konzentrieren und Milizen und "Warlords" entwaffnen wird, sondern immer
stärker in Kriegs-Aktionen hineingezogen wird. Die
Verknüpfung von „Krieg gegen den Terror“
und zivilem Wiederaufbau in Afghanistan ist mittlerweile eine
politische Falle, die sowohl die Glaubwürdigkeit des
bisherigen Bundeswehreinsatzes als auch die Arbeit der
Entwicklungsorganisationen in Frage stellt. Damit erweist sich auch das
Konzept der zivil-militärischen Kooperation in den
„Provincial Reconstruction Teams“ als landesweit
nicht übertragbar und letztlich gescheitert.
Für den Wiederaufbau des Landes brauchen die zivilen Akteure
nicht den Schutz des Militärs, sondern der Politik,
insbesondere auch eine gezielte, d.h. deutlich erhöhte und
organisatorisch verbesserte finanzielle Förderung für
Entwicklungsprojekte und Zivilen Friedensdienst.
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Auch
der Süden kann befohlen werden
IM GESPRÄCH Der Politikwissenschaftler Reinhard Mutz
über ein Erkennungszeichen deutscher Afghanistan-Politik -
militärisch nachlegen, statt politisch nachdenken
FREITAG:
Wenn die
Bundeswehr demnächst in Nordafghanistan mit einem Kampfverband
operiert - inwieweit ist das durch das ISAF-Mandat der Vereinten
Nationen gedeckt?
REINHARD MUTZ: Wenn es um Afghanistan geht, hatten die USA und die NATO
im UN-Hauptquartier noch nie einen ernsthaften Widerpart. Der
Sicherheitsrat liest ihnen die Wünsche von den
Lippen ab. Russlands und Chinas Vertreter pflegen beifällig zu
nicken. Das ISAF-Mandat lässt in seiner letzten Fassung
vielerlei
Auslegungen zu.
Was muss es geben, damit
ein solche Einheit offensiv eingesetzt wird? Einen Angriff auf den
deutschen Stützpunkt in
Mazar-i-Sharif? Oder reichen schon vermutete Taliban-Stellungen?
Einen spezifischen Auftrag hat eine solche mobile Truppe für
rasche Einsätze überhaupt nicht. Sie dient dem
Regionalkommando Nord als operative Reserve, als Feuerwehr, die immer
dann einspringt, wenn es brennt. Das kann ein Stützpunkt sein,
der angegriffen wird. Oder ein überfallener Truppenkonvoi oder
ein abgestürzter Hubschrauber. Solange die Norweger die
Einheit stellten, haben sie allerdings auch aktiv und offensiv
militärische Ziele bekämpft, und das sogar
außerhalb der Nordregion.
Wie wäre die
Rechtslage, würden Bundeswehreinheiten
in den Süden Afghanistans verlegt, wie das gerade der
amerikanische Verteidigungsminister verlangt hat?
Dem stünde im Prinzip das Mandat des Bundestags für
das deutsche Kontingent entgegen. Das sagt klar: Kabul und
Nordafghanistan, mehr geht nicht - freilich mit
Schlupflöchern. Wenn sich treuherzig genug behaupten
lässt, eine Unterstützungsleistung für
Verbündete sei dringend erforderlich und der Einsatz zeitlich
begrenzt, dann kann er auch befohlen werden. In jedem Winkel des
Landes. Das hat die Mehrheit der Abgeordneten im Bundestag gewusst und
schon 2005 so beschlossen.
Aber wenn jetzt
Bundeswehrgeneräle ganz offen davon sprechen, dass es Tote
geben könne, müsste dann nicht das
Parlament unabhängig von jedem Beschluss sofort damit befasst
sein?
Nicht erst dann. Schon bei den Debatten über die
Mandatsverlängerung für die Bundeswehr 2006 und 2007
war mit Händen zu greifen, dass es am Hindukusch in die
falsche Richtung läuft. Aber man hat nur militärisch
nachgelegt, statt politisch neu nachzudenken. Jedes Mal, bei der
Tornado-Entsendung wie auch jetzt bei der Schnellen Eingreiftruppe,
hieß das Argument: Wir müssen das machen, sonst will
Brüssel noch mehr. Und prompt kam schon die nächste
Forderung, diesmal eben - aber dafür um so
lautstärker - aus Washington in Form des Briefes von
Verteidigungsminister Gates.
Natürlich schuldet die Bundesrepublik ihren Partnern
Bündnissolidarität. Was das genau heißt,
steht im NATO-Vertrag. Sie schuldet ihnen Beistand zur Abwehr eines
bewaffneten Angriffs. Sie schuldet ihnen nicht Beihilfe zur
Führung eines bewaffneten Angriffs. Das eine ist Verteidigung
und rechtlich legitimiert. Das andere ist das Gegenteil von
Verteidigung und rechtlich geächtet. Diesen Unterschied
müsste die Bundesregierung ihren Partnern klar machen, wenn
sie nicht immer wieder in dieselbe Erklärungsnot geraten will.
Was bleibt bei alldem
noch von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Wiederaufbau
und Militäraktivitäten
übrig?
Nichts. Das Verhältnis war sowieso niemals ausgewogen. In
jedem Haushaltsjahr des Bundes betrug der Ansatz für zivile
Hilfe nur einen Bruchteil der Kosten für die
militärischen Aufwendungen. Weil ja Wiederaufbau bekanntlich
nicht funktionieren kann ohne Sicherheit. Mit dem Ergebnis, dass die
deutschen Entwicklungshelfer in Afghanistan heute sagen, sie sind dann
am sichersten, wenn sie um alles Militär einen weiten Bogen
machen.
Wo liegt die Grenze
für ein immer weiter aufgestocktes Militärengagement
am Hindukusch?
Die NATO hat erst etwa 50.000 Soldaten im Land und ist erst sechs Jahre
da. Bei der Sowjetunion waren es 100.000 Mann, und es dauerte zehn
Jahre, ehe sie begriff, dass sie nicht gewinnen kann.
Das Gespräch führte Lutz Herden
Reinhard Mutz war bis 2006 kommissarischer Wissenschaftlicher Direktor
des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in
Hamburg
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Pilotprojekt
für den Frieden und Disengagement-Plan
Trend und Zeit in Afghanistan arbeiten gegen die Nato: Russland und
China lassen dem Widerstand Waffen liefern. Militärisch
sei der Krieg nicht mehr zu gewinnen, sagen führende Experten
und viele Militärs weltweit – darunter auch deutsche.
Die Risiko-Analyse der US-Firma Global Security vom Dezember 2007
unterteilt Afghanistan wie folgt: 40% des Landes sind mit mittleren
Risiken behaftet, 30% hoch und die restlichen 30% sehr hoch. Gebiete
mit geringem oder gar keinem Risiko gebe es nicht mehr.
Die Bundesregierung hat beschlossen: Die Entwicklungshilfe steigt
moderat von 100 auf 125 Millionen Euro. Davon versickert etwa ein
Drittel, auch mangels Koordination und Strategie. Eine Aufforderung an
Deutschland, weitere Truppen für einen Dauereinsatz im
Süden bereitzustellen, wird uns noch länger
beschäftigen… Fest steht: Bis zu 250 Soldaten
zusätzlich sollen in Nordafghanistan im Rahmen einer
„Schnellen Eingreiftruppe“ (= Quick Reaction Force
– QRF) mit Kampfauftrag und
„Süd-Option“ die Sicherheitslage
verbessern.
Vor einem Jahr um diese Zeit kamen die Tornados an den Hindukusch, mit
der gleichen Begründung. Trotzdem haben sich seitdem die
Zahlen der „Zwischenfälle“
(Selbstmordattentate, Straßenbomben, Gefechte) verdoppelt,
von rund 6.400 auf
über 12.000: die dritte Verdoppelung in Folge.
Schon damals gab es den von mir erarbeiteten Disengagement- Plan; die
Bundesregierung erhielt die dringende Empfehlung, parallel zur
Tornado-Entscheidung ein höchst vertrauliches Friedenssignal
auszusenden: für ein „Pilotprojekt für den
Frieden“ in der Provinz Kunduz, das die Fähigkeit
der bewaffneten Opposition zu konstruktiver Zusammenarbeit und
Verlässlichkeit in einem überschaubaren Rahmen
risikofrei und unterhalb der Ebene offizieller internationaler
Diplomatie ein Jahr lang testet.
Die neue Wegbeschreibung steht, in Einklang mit den
einschlägigen UN-Resolutionen, für einen erfolgreich
zukunftsfähigen Einsatz am Hindukusch:
Nachhaltiger Friede im
Innern und nach außen bei sicherem Exportstopp für
terroristische Aktivitäten
oder Akteure durch eine demokratisch legitimierte, souveräne,
verantwortungsfähige und verantwortungsvolle Regierung.
Grundbedingungen dafür sind:
1. Interventionsmächte verzichten auf hegemoniale,
religiöse, soziale, wirtschaftliche etc. Zielvorgaben.
2. Alle politisch relevanten Gruppen in Afghanistan nehmen am
künftigen politischen Prozess teil, ohne Parteiverbot.
3. Das in der Vergangenheit mittelbar oder unmittelbar in Afghanistan
aktive Ausland ist sofort in Form eines Beratungsgremiums einzubinden
und verzichtet auf jegliche Einmischung in Afghanistan in einem
„6+3-Prozess“: Iran, Pakistan,
Saudi-Arabien, Turkmenistan, Uzbekistan, Tadschikistan plus USA, China
und Russland. Innerhalb dieses Rahmens wird die künftige
Nichteinmischungspolitik bindend und mit nachzuhaltender
Sanktionsmöglichkeit vertraglich festgelegt.
4. Für Afghanistan wird ein fünfjähriger,
vertrauensbildender Friedensprozess aufgelegt, der
„Disengagement
Plan“, mit stufenweise zeitlich festgelegten Zielvorgaben und
daran gekoppelter, stark steigender Entwicklungshilfe bei gleichzeitig
sinkender internationaler Truppenpräsenz. Alle Truppen gehen
ab sofort nach radikal veränderter friedensorientierter
Strategie
vor.
Unverzichtbare Gesprächspartner von afghanischer Seite
für diesen Plan sind:
1. Regierung Karzai – Management-Ebene von
Präsidialamt und vier Ministerien haben dem Plan informell
zugestimmt
2. Bewaffneter Widerstand: Taliban und HIA (Hezb-i Islami Afghanistan)
haben informell zugestimmt, Warlords
3. Nordallianz mit Prof. Rabbani, Saayaf, Fahim, Gen. Dostum
4. Vertreter sozialer Gruppen: Bauern, Nomaden, Frauen etc.
Auf deutscher Seite wächst die Zustimmung in allen
Bundestagsfraktionen mit Schwergewicht bei Grünen und SPD,
dazu in Kirchen, NGOs und Friedensbewegung sowie in der Bundeswehr.
Eine Kurzdefinition des Friedensplans lautet:
Multilaterale und
multinationale Befriedung mit Mediation in drei Stufen.
Das erwähnte Pilotprojekt in Kunduz fußt auf
Vorbedingungen:
1. Keine Aktionen (oder Vorbereitungen) durch den Widerstand
2. Rückkehrrecht für Flüchtlinge
3. Keine Aktionen/Repressionen durch staatliche Institutionen,
Warlords, fremde Truppen
4. Sofortig viel mehr Entwicklungshilfe mit strategischer Ausrichtung
und Neuordnung, statt wie bisher Einzelprojekte ohne regionales
nationales Gesamtkonzept. (Äußerst positive
Erfahrung mit diesem Konzept konnte ich 2002 in der Provinz Nangarhar
sammeln.)
Das Pilotprojekt läuft ein Jahr lang in einer Provinz
– und finanziert sich fast völlig durch Umschichtung
von Militärausgaben in die Entwicklungshilfe. Danach
münden alle Aktivitäten in den
größeren Disengagement Plan, der zusätzlich
zwölf Provinzen Afghanistans erfasst. Jede Provinz
durchläuft die immer gleichen drei Entwicklungsstufen
– selbstverständlich nur solange der Frieden
hält:
Jahr 1: Befriedung
Beginn der Rückkehr der Flüchtlinge und des
Truppenabzugs, landesübliche Bewaffnung zur
persönlichen Selbstverteidigung, keine Kampfvorbereitungen,
mindestens verdreifachte Entwicklungshilfe, Ende jeglicher politischer
Unterdrückung, Ende aller ISAF- (= ‚International
Security Assistance Force’ – UN-Mandat) und
OEFAktivitäten (= ‚Operation Enduring
Freedom’ – Nato), Vermeidung von Provokationen,
Start vertrauensbildender und Mediationsmaßnahmen.
Jahr 2: Demokratisierung
Unbeeinflusste freie Wahlen zur Provinzregierung, weiterer Abzug
fremder Truppen
Jahr 3:
Souveränisierung
Vollendung des Truppenabzugs.
Der gesamte Disengagement Plan soll in drei Stufen ganz Afghanistan
erreichen:
Stufe 1 (1. Jahr): Pilotprovinz; Vorschlag: Kunduz
Stufe 2 (2. Jahr): Zwölf weitere Provinzen
Stufe 3 (3. Jahr): Ausweitung auf ganz Afghanistan.
Das ergibt eine Laufzeit von mindestens fünf Jahren
für das Gesamtprojekt, bis alle fremden Truppen
vollständig abgezogen sind.
Ernste militärische Widerstandsaktivitäten
unterbrechen den geplanten Ablauf. Dauern die Aktionen an, kehren
bereits abgezogene Truppen in ihre Unterkünfte zurück.
Den Prozess begleiten umfangreiche Mediationsmaßnahmen; die
Methodik hat der international erfolgreiche ex-Harvard-Professor John
Paul Lederach begründet, der meinen Vorschlag
unterstützt: Die praktische Arbeit vor Ort werden noch
auszubildende einheimische Kräfte leisten, ein realistischer
Zeitrahmen für das Gesamtprogramm liegt bei 20 Jahren.
Konkret: Im ersten halben Jahr beruhigt ein
‚Kriseninterventionsprojekt’ die schwierigsten
Konflikte. Parallel läuft die Ausbildung für die
afghanischen ‚Akteure’, die danach an der
geduldigen schrittweisen ‚Konflikttransformation’
arbeiten. Dabei gestalten sie die notwendigen sozialen
Veränderungen.
Die britischen Besatzer töteten seinerzeit etwa 200.000
Afghanen, die Sowjets 1,3 Millionen. Die Nato hat keine Obergrenzen
definiert. Ab etwa Mitte 2008 wollen die Taliban nicht mehr verhandeln,
sagen ihre Offiziellen.
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Eine
Zivile Strategie für Frieden, Sicherheit und Entwicklung in
Afghanistan1
Ein Beitrag zur Konferenz in Hannover über den Krieg in
Afghanistan
Andreas Buro
2
Die zivile Strategie für Afghanistan, die hier als
Grundlage für weitere Diskussionen in der Friedensbewegung
vorgeschlagen wird, ist in hohem Maße ein politisches und
nicht ein technokratisches Projekt. Wesentliche Akteure der NATO setzen
aus vielerlei Gründen auf ein militärisches Vorgehen,
auch wenn dadurch eine friedliche Lösung offenbar in immer
weitere Ferne rückt. Die Friedensbewegung muß jedoch
ihren Ansatz mit ihrem übergreifenden Ziel verbinden,
militärische Interventionspolitik zurück zu
drängen und zivile Konfliktbearbeitung zur gängigem
Praxis werden zu lassen. Aus dieser Sicht sind die Ziele dieser zivilen
Afghanistan Strategie:
• Frieden und Kooperation zu fördern sowie Sicherheit
im Lande zu stärken
• Einen Ausweg aus der militärischen Konfrontation zu
eröffnen
• Zivile Konfliktbearbeitung (ZKB) zu erproben und als
Alternative bekannt zu machen
• Möglichst viele NATO-Länder auf diesen
zivilen Kurs zu bringen
• Die Selbständigkeit der EU-Staaten
gegenüber der US-Interventionspolitik zu fördern,
auch wenn keine Illusion über die Bereitschaft vieler
EU-Staaten zu militärischer Interventionspolitik bestehen darf.
Bedingungen in
Afghanistan, die zu berücksichtigen sind
Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat und hat somit eine
Bevölkerung mit sehr unterschiedlichen Loyalitäten.
Paschtunen ( ca. 40%), Tadschiken (25%), mongolstämmige Hazara
(15%) und Usbeken (5%) sind die größten
Völker neben vielen weiteren kleineren. Dari, Paschtu und
Usbekisch sind die vorherrschenden Sprachen. Verbindend wirkt, dass
fast alle Muslime sind ( ca. 84% Sunniten, 15% Schiiten).
Es bestehen große Unterschiede zwischen städtischer
und ländlicher Bevölkerung, welche die
große Mehrheit der etwa 29 Millionen Einwohner ausmachen. Sie
sind insbesondere durch die dominierenden Lebensweise auf dem Lande mit
den Stammestraditionen stark verbunden. Modernisierung ist in der
Geschichte Afghanistan immer wieder auf großen Widerstand
gestoßen und hat zu Sturz oder sogar Ermordung von Herrschern
geführt. Auch die Mobilisierung von Widerstand durch die USA
gegen die sowjetische Invasion baute auf traditionale Orientierungen
und Werte. Landesweite Kooperationsbereitschaft zur Modernisierung,
wenn sie nicht der unmittelbaren Förderung der
Lebensbedingungen dient, ist also nicht selbstverständlich.
Ferner ist die Gesellschaft von jahrelangen Kriegen geprägt.
Diese haben bestehende Strukturen teilweise zerschlagen und neue
unsichere, partielle Herrschaftsformen (Warlords, Opiumkartelle)
geschaffen. Eine auf Produktion beruhende Bourgeoisie ist kaum
entstanden.
Die Langsamkeit gesellschaftlicher Veränderung ist unbedingt
zu berücksichtigen. Modernisierung muß aus der
Gesellschaft heraus entstehen zusammen mit der Veränderung der
Produktionsstrukturen. Dabei ist es ein großes Problem, dass
von allen Seiten billige Industrieprodukte ohne Rücksicht auf
die eigenen Produktionen in das Land einströmen
können und so entstehende eigenständige
Produktionsstrukturen durch Konkurrenz zerstören oder gar
nicht erst entstehen lassen. Die nachholende Industrialisierung hat
noch fast immer Schutzzölle vor
übermächtiger internationaler Konkurrez
benötigt.
Die Taliban basieren zum Teil auf Traditionen der paschtunischen
Gesellschaft. Das macht ihre Stärke aus. Sie sind eher
„national“ orientiert, im Gegensatz zu der
internationalen Orientierung von Al Quaida. Beide sind also nicht
identisch. Bindungen der Bevölkerung an die Taliban haben
etwas mit Traditionen, mit Armut, Perspektivlosigkeit und mit lokalen
Machtverhältnissen zu tun. Sie sind differenziert wahrzunehmen
und zu behandeln. Schwarz-Weiss-Einstufungen sind gänzlich
ungeeignet.
Erhebliche Teile der modernen Eliten sind von den Zahlungen der
Interventen abhängig und so an sie gebunden, was eine
eigenständige auf die
afghanischen Interessen bezogene Politik behindert.
Probleme und Gefahren der
gegenwärtigen Situation
Die westliche Militärintervention steht vor einem doppelten
Dilemma. Sie ist weder in der Lage, eine stabile und sichere Ordnung zu
bewirken, noch ist dies
allein durch den Abzug ihrer Truppen zu erreichen.
Die Armutssituation und die „Kollateral-Opfer“ der
Bombardierungen veranlassen immer mehr Menschen, sich dem bewaffneten
Kampf gegen „den
Westen“ anzuschließen. Die Bombardierungen
stärken somit die Gegner der
Interventionstruppen.
Da die NATO als weltweite Interventionstruppe aus westlicher Sicht
nicht besiegt werden darf, ist eine ständige
militärische Eskalation zu erwarten, so lange keine
Exitstrategie existiert. „Vietnam 1973“ soll auf
alle Fälle vermieden werden. Dementsprechend soll Berlin
zusätzlich 250 Soldaten der Kampftruppen in den Norden
schicken und wird zum Kampftruppeneinsatz im Süden
gedrängt.
Der Konflikt steht in einem engen Zusammenhang mit der paschtunischen
Bevölkerung im pakistanischen Gebiet. Bei einer Ausweitung des
Krieges auf Pakistan und – bei einem US- /Israel-Angriff
– auf Iran dürfte der Krieg seine bisherigen Grenzen
überschreiten und völlig außer Kontrolle
geraten.
Mit Eskalation und Ausweitung verschärft sich die
Polarisierung zwischen islamischen Ländern und den
intervenierenden westlichen kapitalistischen Staaten. Zunehmende
Verfeindung und Feindbilder in den Gesellschaften werden das Ergebnis
sein. Friedliche Lösungen von Konflikten auch
außerhalb von Afghanistan würden immer schwieriger.
Ansätze
für eine zivile Alternative
Die Situation in Afghanistan kann nicht schlagartig verändert
werden. Die führende NATOMacht USA ist nicht bereit, ihre
Truppen abzuziehen und auch nicht ihr Interventionsverbund die NATO.
Deshalb halte ich jede Diskussion unter dem Vorzeichen „Wenn
morgen alle Truppen abziehen“ für völlig
unrealistisch. Deshalb ist nach einer Möglichkeit der
Weichenstellung hin zu Ziviler Konfliktbearbeitung (ZKB) unter den
Bedingungen eines zunächst fortgeführten Krieges zu
suchen. Das wird hier unternommen.
Meine Ausgangsthese lautet, erst wenn die afghanische
Bevölkerung eine Verbesserung ihrer
Lebensverhältnisse erkennen kann, wird sie sich auch
für Frieden statt Konfrontation einsetzen. Eine wesentliche
Verbesserung erfährt sie jedoch nicht durch die bisherigen
Tätigkeiten der ISAF-Truppen. Diese können trotz
aller absichtsvollen mythischen Verklärung keine systematische
Politik der Entwicklung und Friedensförderung betreiben.
Über 80% der deutschen ISAF-Truppen verbringen zudem ihre
Einsatzzeit nur im eigenen Militärlager und
beschäftigen sich mit ihrer eigenen Sicherheit.
Wir fordern deshalb eine Abkehr vom Krieg und eine zivile Entwicklungs-
und Friedenspolitk für Afghanistan und seine Menschen. Das ist
nicht mit mehr Soldaten, sondern nur mit mehr friedenspolitischem
Engagement zu erreichen.
Deutschland
könnte hierbei eine wichtige Rolle durch eine
friedenspolitische Wende seiner bisherigen Afghanistan-Politik spielen
und gleichzeitig eine
Exitstrategie eröffnen
• Deutschland verlängert nicht die Mandate
für ISAF, Tornado und Enduring Freedom. Es gibt damit ein
deutliches Signal der Neuorientierung. Dabei nennt
Berlin ein festes Datum, bis zu dem die deutschen Truppen aus
Afghanistan abgezogen sein
werden.
• Die Bundeswehreinheiten erhalten die Anweisung sich ab
sofort nicht in Kämpfe einzumischen. Dies gilt sowohl
für Truppen , die der OEF
zugeordnet sind, für ISAFTruppen und für den Einsatz
der Tornados.
• Berlin gibt gleichzeitig bekannt, es würde seine
zivile Hilfe je nach Bedarf bis zu dem Betrag aufstocken, der durch den
Abzug der Truppen frei würde.
Das sind etwa 500 Millionen € jährlich. Diese Mittel
stünden
für Entwicklungsprojekte in Afghanistan zur
Verfügung, die von Orten und/oder Regionen des Landes
gemeinsam für wichtig und nützlich gehalten werden
und tatsächlich die
Lebensbedingungen der Menschen vornehmlich auf dem Lande verbessern.
Dort ginge es um schulische,
soziale und medizinische Versorgung. Ferner um Arbeitsplätze,
Wasserversorgung und landwirtschaftliche Produktionen
unabhängig vom Mohnanbau
für die Opium Herstellung. Von den UN sind Vorschläge
hierfür
ausgearbeitet worden. Vorschläge aus der afghanischen
Gesellschaft kämen hinzu. Deutsche Afghanistan-Experten
sollten gebeten werden, Strategien der Entwicklung für die
unterschiedlichen Bedingungen in Afghanistan zu entwerfen und zur
Diskussion zustellen.
• Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit
(GTZ)und andere einschlägigen Dienste werden beauftragt,
angepasste Technologien für die
Produktion von Gebrauchsgegenständen unter den Bedingungen in
Afghanistan
vorzuschlagen, die möglichst vor Ort produziert werden
können. Die
Projektarbeit könnte, angesichts der zu erwartenden langen
Vorlaufzeiten sogleich begonnen werden.
• Für die Projekte sollten zunächst Regionen
mit besonders günstigen Bedingungen ausgewählt
werden, in denen auch eine gewisse Konzentration
von Projekten verwirklicht werden kann. Dies würde auf andere
Regionen
ausstrahlen. Die Menschen würden verstehen, dass sich Frieden
und Kooperation
für sie lohnen. So wüchse die Bereitschaft sich an
Projekten aktiv zu beteiligen und Konflikte
friedlich zu lösen.
• Die Konzentration auf den ländlichen Bereich
schließt nicht aus, auch allgemeine oder städtische
Projekte zu unterstützen. Dazu kann auch
die rechtstaatliche Ausbildung von Polizisten gehören, soweit
diese nicht zu Kampftruppen
umfunktioniert werden.
• Die Festlegung der Projekte bedarf unabdingbar der
Einbeziehung und der Zustimmung der örtlichen oder regionalen
Kräfte und
auch derer, die sich den Taliban zuordnen. Wer Aussöhnung
will, darf die bisherigen Gegner
nicht ausgrenzen! Auf diese Weise kann Dialog und Zusammenarbeit der
verschiedenen
Kräfte vor Ort, sowie Vertrauen untereinander
gefördert werden.
Die folgenden Prinzipien
sollten maßgebend sein:
• Vorschläge für Projekte können
von allen Seiten gemacht werden.
• Alle zuständigen Kräfte werden zur
Erörterung und Beschlußfassung der Projekte von
denen eingeladen, die den Vorschlag gemacht haben.
• Projekte werden nur verwirklicht, wenn alle Seiten
einschließlich der Geber zustimmen. Kommt keine Einigung
zustande, so werden die Projekte nicht
verwirklicht.
• Für die Ausführung von Arbeiten werden
möglichst örtliche Kräfte einbezogen, auch
wenn sich dadurch die Kosten erhöhen sollten. Wichtig ist,
dass Einkommen durch Arbeit entsteht und gleichzeitig
Produktionsstrukturen
gefördert werden.
• Korruption ist nicht hinnehmbar, selbst wenn dann ein
Projekt nicht verwirklicht werden kann.
• Projekte und die dabei gemachten Erfahrungen sind im ganzen
Land zu publizieren, um die Arbeit und ihre Prinzipien bekannt zu
machen. Das kann die
Projektarbeit ausweiten.
• Die Bundesregierung appelliert an die NATO und die
Aufständischen, solche Projekte, Orte und Regionen nicht in
die Kriegführung einzubeziehen,
selbst wenn an den Projekten Taliban nahe Kräfte beteiligt
sind. Solche Appelle
sollten auch von denjenigen ausgehen, die an den Projekten interessiert
sind und dort
mitarbeiten.
• Die Bundesregierung bemüht sich gleichzeitig darum,
dass andere in Afghanistan engagierte NATO- und EU-Staaten ihrem
Beispiel folgen. Sie
erläutert ihre neue Politik der NATO und den USA.
• Mit einer derartigen Politik könnte Deutschlands
eine Wende vom Krieg zur zivilen Konfliktbearbeitung und von der
Konfrontation zum Dialog einleiten. Das
wäre ein Signal, das weit über Afghanistan hinaus in
vielen islamischen
Ländern gehört werden würde. Damit
würde gleichzeitig eine Exitstrategie
eröffnet.
Widerstände
gegen eine solche Alternative und Probleme
Dieser Krieg wird nicht für die Entwicklung und
Demokratisierung Afghanistans geführt. Strategische Ziele in
Südasien spielen eine große Rolle. Der
Militärorganisation NATO, der sich tendenziell auch Japan
anschließen wird, geht es auch um die Kohärenz und
die Fähigkeit der NATO, als weltweites Interventionsinstrument
zu dienen. Das bedeutet, selbst bei Zweifeln an dem Erfolg der
Militäraktionen in Afghanistan ist auch das höhere
Ziel, das Instrument NATO zu erproben und zu sichern, von nicht zu
unterschätzender Bedeutung.
So würde mit der hier vorgeschlagenen zivilen Friedenspolitik,
die gleichzeitig eine Exitstrategie aus dem afghanischen Sumpf
wäre, Deutschland aller Voraussicht nach unter starken Druck
aus den USA und auch aus der NATO geraten. Doch hat die Bundesrepublik
nicht die Verweigerung einer direkten Beteiligung am Irak-Krieg gut
ertragen können? Außerdem würde damit eine
fruchtbare Auseinandersetzung innerhalb der NATO über den Sinn
weltweiter militärischer Interventionspolitik angeregt werden.
Der Schutz ziviler HelferInnen ist ein Problem. Denn es ist nicht
auszuschließen, dass solche Projekte von Al Quaida,
Taliban-Gruppen oder auch von rivalisierenden Kräften der
afghanischen Bevölkerung (z. B. bei Entwicklung von
Alternativen zur Opium-Produktion) angegriffen werden. Es ist ferner
nicht auszuschließen, das solche Projekte auch von den
NATO-Truppen in ihre Kampfhandlungen mit oder ohne Absicht einbezogen
werden.
Das Argument, Hilfe und Entwicklung bedürfe des
militärischen Schutzes greift dennoch nicht. Denn erstens ist
das ISAF-Militär nicht in der Lage, die zivilen Helfer zu
schützen und zweitens halten die Afghanen Helfer unter
militärischem Schutz nicht für neutral, sondern
für einen Teil der militärischen Intervention. Dies
um so mehr, wenn ISAF zur kämpfenden NATO-Truppe wird und
‚Zivilmilitärische Zusammenarbeit‘ (CIMIC
bzw.ZMZ) praktiziert wird. Entwicklungshelfer sehen sich deshalb eher
durch Militär gefährdet als gefördert. Die
Abstimmung von Projekten mit den jeweiligen Kräften vor Ort
und deren Beteiligung dürfte die beste Sicherung sein.
Interessen an einer
zivilen Alternative
Sollten die Wahlen in den USA zu einem Parteienwechsel in der
Präsidentschaft führen, so ist nicht
auszuschließen, dass die neue Administration
durchaus interessiert sein könnte, sich von dem Ballast des
Afghanistan-Krieges zu befreien und eine
solche Alternative unterstützen oder zumindest tolerieren
würde.
Kleinere NATO-Staaten könnten ebenfalls ein Interesse haben,
sich dem interventionistischen Militärkurs der USA und der
NATO zu
entziehen, da sie sich von zivilen Strategien viel bessere
wirtschaftliche Möglichkeiten
in Nah- und Mittelostasien versprechen.
Die EU, die oftmals ihre Abhängigkeit von der
US-Hegemonialpolitik beklagt, könnte darin eine Chance sehen,
ihre eigene Selbständigkeit auszuweiten.
Dies würde voraussichtlich zu Richtungskämpfen
innerhalb der EU führen, was ganz
im Sinne der Friedensbewegung wäre, da dann die
interventionistischen Tendenzen der EU zur
Diskussion gebracht würden.
Eine zivile Alternative könnte auch von Seiten der asiatischen
Anliegerstaaten unterstützt werden, da sie die
US-Interventionspolitik mit Sorge betrachten. In
Iran könnte sie als eine Stärkung der eigenen
Sicherheit gegenüber
Angriffstendenzen der USA verstanden werden.
Aufgaben für
soziale Bewegungen und
Nicht-Regierungsorganisationen (NROs)
In der Bundesrepublik wird es vor allem darum gehen, eine breite
Diskussion über diese Alternative in Gang zu setzen, die
über verschiedene Aktionsformen sowohl die Gesellschaft wie
auch die Abgeordneten des Bundestages erreicht. Die alleinige Forderung
nach Abzug der NATO und damit auch der Bundeswehr ist unzureichend,
weil damit keine strategische Perspektive verbunden ist.
Es ist ferner erforderlich, eine breite Aufklärung
über die Hintergründe und die Wirklichkeit des
deutschen Militäreinsatzes in Afghanistan zu betreiben.
Außerdem sollte möglichst bald mit einer
Ausarbeitung der Details der Alternative begonnen werden, um das
Konzept zu konkretisieren.
NROs, die bereits in Afghanistan arbeiten, könnten in Hearings
ihre Erfahrungen zur Verbesserung der Alternative einbringen.
Insgesamt handelt es sich um eine ambitiöse und komplexe
zivile Alternative, deren Ziele über Afghanistan hinaus in den
Bereich
grundsätzlicher politischer Weichenstellung gehen. Man kann
durchaus von einem Schritt auf dem Wege zum Vorrang
für zivile Konfliktbearbeitung sprechen. Es lohnt sich also,
dafür
einzutreten und zu arbeiten.
1 Dieser Text baut auf dem Vortrag auf, den der
Autor auf der 5.
Strategiekonferenz der ‚Kooperation für den
Frieden‘ am 19. 1. 2008 in Aachen gehalten hat.
2 Prof. Dr. Andreas Buro ist friedenspolitischer
Sprecher des
‚Komitees für Grundrechte und Demokratie‘
und Koordinator des ‚Monitoring-Projekts der
Kooperation für den Frieden‘.
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Verhandeln
statt Schießen – Den
Afghanistan-Krieg beenden!
Stellungnahme
des Bundesausschusses der DFG-VK vom 1.3.2008 zum
Afghanistan-Krieg
In Afghanistan findet ein Krieg mit deutscher Beteiligung statt. Aus
einem Einsatz zur Stabilisierung des Wiederaufbaus ist ein Krieg gegen
aufständische
Kämpfer geworden. Es droht ein langjähriger Krieg
ohne Perspektive, mit der NATO und der Bundeswehr als
Kriegsparteien.
Jeder Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Der Afghanistan-Krieg
ist nicht mal ein effektives Mittel, um die ihn rechtfertigenden Ziele
zu erreichen: Er wird mit dem Terrorismus begründet -
Deutschlands Sicherheit würde am Hindukusch verteidigt. Man
dürfe dem islamistischen Terror keine regionale Operations-
und Rückzugsbasis überlassen, die zu
Anschlägen weltweit ermuntern würde. Wer so
argumentiert, setzt allerdings die Bekämpfung des Terrorismus
mit einem konventionellen Krieg gleich. Terroristen sind aber
Zivilisten, die meistens nicht dort anzutreffen sind, wo sich Soldaten
gerade aufhalten. Und sie treten nicht in Heerscharen auf, sondern in
kleinen Gruppen, die von jedem Ort auf der Welt aus arbeiten
können und auf eine weitflächige Operationsbasis
nicht angewiesen sind. Man braucht kein ganzes Land, um Terrorist zu
sein – ein paar Zimmer reichen aus.
Wer in den Kategorien konventioneller Kriege denkt, spielt Terroristen
zudem in die Hände: Mit jedem Bombardement und jedem Tod von
Zivilisten, der unweigerlich im Afghanistan-Krieg stattfindet, macht
sich der Westen Feinde und führt den Terroristen Rekruten zu,
die der Rachegedanke antreibt.
Dass der Afghanistan-Krieg nicht effektiv den Terrorismus
bekämpft, haben die Niederlande und Kanada bereits erkannt,
die ihren Rückzug bis Weihnachten 2010 bzw. 2011
unwiderruflich angekündigt haben. Nach Umfragen erkennt dies
auch die deutliche Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Die
Anzahl der Befürworter dürfte weiter abnehmen,
nachdem Bundeswehr und Bundesregierung eine Kampftruppe einsetzen und
die Zahl der Soldaten weiter erhöhen wollen. Für den
Militäreinsatz wird sechsmal soviel ausgegeben wie
für den zivilen Aufbau Afghanistans.
Die Ausbreitung islamistischen Terrors zu verhindern, ist ein
politisches und kein militärisches Ziel. Es geht darum,
Terroristen von der sie unterstützenden Gemeinschaft zu
isolieren und potentielle Rekruten davon abzuhalten, sich ihnen
anzuschließen. Weitergehende Ziele für den Einsatz
der Bundeswehr in Afghanistan, wie die Eroberung von
Stützpunkten, der Zugang zu Ölquellen oder die
Aufrechterhaltung der NATO, sind keine politisch legitimen Motive.
Notwendig sind Verhandlungen zwischen allen Kriegsparteien
über einen Waffenstillstand und einen Friedensprozess, statt
weiterem Drehen an der Gewalt-Spirale. Wenn Seymour Hersh, einer der
weltweit angesehensten investigativen Journalisten, Recht hat, dass der
Afghanistan-Krieg zum Scheitern verurteilt ist, ist es besser, jetzt zu
verhandeln als zu einem aussichtsloseren Zeitpunkt.
Denkbar sind folgende
Schritte:
- Einstellung aller militärischen Aktivitäten
- Zivile Hilfe in Höhe der jetzigen Militärausgaben
für die Infrastruktur und lokale Projekte, die den Menschen
eine wirtschaftliche Perspektive außerhalb des
Drogenhandels eröffnen
- Bildung einer neuen Koalitionsregierung und Stärkung der
lokalen staatlichen Strukturen unter Einbindung aller afghanischen
Konfliktparteien und Gruppierungen
- Unterstützung von afghanischen
Nichtregierungsorganisationen, die die Menschenrechte verteidigen und
für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie eintreten
- Einrichtung einer regionalen Konferenz für Sicherheit und
Entwicklung unter Einbindung aller Nachbarstaaten.
Die DFG-VK fordert die sofortige Beendigung des Afghanistan-Krieges,
den Abzug der Bundeswehr und aller anderen ausländischen
Truppen und die
Unterstützung von Verhandlungen der Kriegsparteien.
Um einen Truppenabzug der Bundeswehr aus Afghanistan zu erreichen und
den Krieg zu beenden, muss die deutliche Mehrheit gegen den Krieg in
der deutschen Öffentlichkeit Gehör finden. Die DFG-VK
wird deshalb bis Oktober 2008 eine Kampagne durchführen,
dadurch ihre Position als bundesweite mitgliederstärkste
Friedensorganisation ausbauen und ihre Funktion als Bindeglied zwischen
den unterschiedlichen Teilen der deutschen Friedensbewegung wahrnehmen.
Ziele:
Die DFG-VK will erreichen, dass
1. im Oktober mindestens 50 Abgeordnete mehr im Bundestag gegen den
Kriegseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan stimmen als bei der
letztjährigen
Abstimmung,
2. die Bundeswehr Afghanistan verlässt und stattdessen zivile
Alternativen Unterstützung finden und
3. Friedensverhandlungen unter Beteiligung aller afghanischen
Volksgruppen und Konfliktparteien zu einer Beendigung des Krieges
führen und
dem Land Perspektiven ohne Krieg geben.
Zeitraum der Kampagne
Beginn: 20. März (Ostermärsche)
Ende: Oktober 2008 (Abstimmung im Bundestag über Einsatz der
Bundeswehr in Afghanistan im Rahmen von OEF und ISAF)
Elemente:
In den nächsten Monaten werden wir dazu folgende
Kernaktivitäten einleiten:
- Eigene DFG-VK-Veranstaltungen zum Thema an möglichst vielen
Orten, möglichst in der ersten Mai-Woche, sonst gerne auch
danach, dafür
Erarbeitung eines Afghanistanflugblattes. Werbematerialien der DFG-VK
mit praktischem
(Fahnen, Jacken, …) oder inhaltlichem Bezug zum Thema
(Aufkleber,
Buttons, …) müssen verfügbar sein.
- Aktionen gegen Rekrutierungsmaßnahmen der Bundeswehr zu
Kriegseinsätzen
- Übers Internet E-Mail-/Brief-/Postkarten-Aktion an alle
Bundestagsabgeordneten (unterschiedliche Themen in der Entwicklung des
Krieges werden zum
Anlass genommen, Muster werden über die Gruppen und die
Homepages zur
Verfügung gestellt)
- Gespräche mit Abgeordneten des Bundestages in Berlin
(fraktionsübergreifend) und in den Wahlkreisen
- Gastbeiträge in den Medien zu presserelevanten
Aufhängern und Pressemitteilungen informieren über
Positionen und Arbeit der DFG-VK.
- Aktionen an den Orten von Landes- und Bundesparteitagen der im
Bundestag vertretenen Parteien
- Anzeige zum 08. Mai 2008.
Daneben ergreift die DFG-VK folgende flankierenden Maßnahmen
teils alleine, teils im Bündnis, die jedoch keine
Arbeitsschwerpunkte darstellen und
daher nur mit begrenztem Energieeinsatz angegangen werden:
- Unterstützung einer Petition der deutschen Friedensbewegung
an den Bundestag
- Unterstützung und Mitträgerschaft des
Afghanistankongresses (07./08. Juni, Hannover)
- Aktuelle Informationen auf den Internetseiten verfügbar
halten www.dfg-vk.de, www.auslandseinsaetze-beenden.de,
www.schritte-zur-abruestung.de
- Aufruf zur Kriegsdienstverweigerung unter deutschen und anderen
Soldaten
- Aktionen vor Kasernen und anderen Orten “erhöhten
Soldatenaufkommens“
- Beratung von den Kriegsdienst verweigernden Soldaten
- mitwirken in B€ndnissen mit personeller DFG-VK-Breite, d.h.
mehrere Personen beteiligen sich als Aktive der DFG-VK an den
Aktivitäten und deren
Vorbereitung
- Teilnahme und Organisation von Demonstrationen
Krieg ist wieder Mittel der Politik. Krieg ist aber die falsche Antwort
auf Terrorismus und andere Bedrohungen. Militär löst
keine Probleme.
Notwendig ist die Bearbeitung und Lösung von Konflikten mit
gewaltfreien und zivilen Mitteln.
Daher fordern wir
Schritte zur Abrüstung:
- Keine Auslandseinsätze der Bundeswehr
- Eine deutliche Verkleinerung der Bundeswehr und die
Abschaffung der Wehrpflicht
- Abzug aller Atomwaffen aus der BRD
- Kürzung der Rüstungsausgaben um
mindestens 5 Prozent jährlich
- Stopp aller Rüstungsexporte
- Förderung ziviler Konfliktbearbeitung und der
Friedensforschung mit 500 Mio. Euro jährlich.
- Entmilitarisierung der Europäischen Union
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