Schritte zur Abrüstung

Pacemakers-Radmarathon

Ein außergewöhnliches und neuartiges Sportereignis für eine atomwaffenfreie Welt

Von Katja Goll, Christoph Fuhrbach und Roland Blach

Unter dem Motto „Sportlich aktiv für eine atomwaffenfreie Welt“ machten sich am 6. August, dem 60. Jahrestag des Atombombenabwurfes auf Hiroshima, bis zu 75 Radfahrerinnen und Radfahrer auf, um an einem Tag von Stuttgart nach Büchel 333 km zurück zu legen. Dieser erstmalig ausgetragene Radmarathon wurde zu einem großen Erfolg und stellte deutlich unter Beweis, dass sportliches Radfahren und Friedensarbeit ideal miteinander verbunden werden können. Es war die erste Veranstaltung dieser Art in Deutschland, organisiert von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigten KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) Baden-Württemberg und der Friedensinitiative Westpfalz Die Route wurde nicht zufällig gewählt. Bewusst sollte die Verbindung zwischen der US-amerikanischen Kommandozentrale EUCOM in Stuttgart-Vaihingen, die derzeit im Umbau befindliche US-Air Base Ramstein bei Kaiserslautern und das Militärgelände in Büchel/Eifel miteinander verbunden werden. Mit bis zu 150 Atomwaffen lagern in den beiden rheinland-pfälzischen Orten ein Großteil der in Europa stationierten Massenvernichtungswaffen. In Büchel beteiligt sich die Bundesregierung zudem an der sogenannten nuklearen Teilhabe durch Bereitstellung von Tornado-Flugzeugen der Bundeswehr und der Ausbildung von Soldaten für den Einsatz der Atomwaffen. Das EUCOM dient dabei als Befehlszentrale. Zusätzlich wurden mit dem Pacemakers-Radmarathon Aktionen an folgenden Orten verbunden: Die Nacht der Hunderttausend Kerzen zum Gedenken an die Opfer von Hiroshima am 5.8. ab 22 Uhr am EUCOM, ein Friedenscamp in Ramstein (5./6.8.) und eine Aktion vor dem Haupttor des Atomwaffenlagers Büchel. Die Pacemakers waren eingebunden in ein weltweites Netz von tausenden Aktionen um den 6. und 9. August, davon allein über 100 in Deutschland. So startete hierzulande am 6. August der Appell an die Bundesregierung "Atomwaffen abrüsten - in Deutschland anfangen", mit dem bis 24. Oktober mehrere Tausend Unterschriften gesammelt werden sollen.

Samstag morgen, 4:30 Uhr. Am Stuttgarter Unigelände ist es noch stockdunkel, es fällt leichter Regen. Viele Menschen mit Radklamotten wuseln herum, nehmen noch ein Frühstück ein oder befestigen ihre Startnummer. Um 5:00 Uhr morgens startet ein Feld von etwa 40 Fahrerinnen und Fahrern zunächst zum EUCOM. Von dort geht es in strömendem Regen und über einige knackige Abfahrten über Leonberg nach Vaihingen/Enz. Der Regen endet, es dämmert, bis auf Schuhe und Socken wird alles wieder trocken. Auch das Feld stellt sich immer besser aufeinander ein. Vier weitere Fahrer schließen sich in einem fliegenden Einstieg dem Feld an.

Die erste Verpflegungsstation erreichen die Pacemakers gegen 7:30 Uhr in Bretten, wo sie ein reichhaltiges Frühstück auf dem Marktplatz erwartet. Dort bekommt das Feld weiteren Zuwachs. Die ersten Fernsehkameras sind aufgebaut. Auch Willi Altig, der ehemalige Radprofi, u.a. 1964 Sieger einer Etappe beim Giro d`Italia, steigt mit ein.

Weiter geht es Richtung Rhein, hervorragend von der Polizei durch alle Verkehrsschwierigkeiten gelotst. Dennoch leider ein Sturz auf der Rheinbrücke Germersheim, Schlüsselbeinbruch und Tourende für "Lui". Durch kleine Dörfer der Haardt entgegen, kommt der mittlerweile auf ca. 60 Radler angestiegene Tross bereits um 10:30 Uhr in Neustadt an der Weinstrasse an, eine halbe Stunde vor dem Zeitplan. Es gibt eine längere Pause, die Kohlenhydratspeicher werden aufgefüllt. Willi Altig und Ute Enzenauer, die hier einsteigen wird, werden interviewt. Beide erzählen, warum sie sich für die Abschaffung aller Atomwaffen einsetzen. Sie war 1981 die jüngste Radweltmeisterin aller Zeiten. Wieder gibt es einen großen Medienrummel.

Die Tour führt weiter über das Neustädter Tal bis Kaiserslautern, inzwischen sind 70 Radlerinnen und Radler dabei. Ein toller Lindwurm, der sich durch das Tal "hochzieht". Aus dem hinteren Begleitwagen heraus kommt mir die direkte Verbindung zur Tour de France.

Am Rathaus in Kaiserslautern steigt noch Udo Bölts, mit 12 Teilnahmen an der Tour de France deutscher Rekordhalter, ein. Am Versorgungspunkt an der Westgate der US-Airbase in Ramstein wird ein von ihm gestiftetes und signiertes Gerolsteinertrikot zugunsten eines Hilfsprojektes für Kinder aus Tschernobyl für über 400 Euro versteigert. Auch die Pacemakers können sich ihre Trikots von Ute Enzenauer und Udo Bölts signieren lassen. Dies taten auch zwei Kinder aus Saarbrücken, von welchen der 5-jährige Felix selbst an einem Tag die 70 km Anfahrt auf dem Rad bewältigt hat. Es gibt warmes Essen, dazwischen Interviews für wieder zahlreich anwesende Pressevertreter. Die Ankunft der Radtour ist einer der Höhepunkte eines parallel erfolgreich von der Friedensinitiative Westpfalz organisierten Friedenscamps in Ramstein. Eine Botschaft an die Pacemaker wird übergeben, in der es in Erinnerung an die visionären Worte des Propheten Micha (Kap. 4,3), u.a. heißt: "sie schmieden Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg." Gleichzeitig wird sehr nachdenklich eingeräumt, dass wir Menschen es auch knapp 3000 Jahre später noch nicht geschafft haben, bei vielen Konflikten auf Gewalt und Militär zu verzichten. Weiter geht´s über die ersten Hügel ins Lautertal. Alles läuft wie geplant, die Atmosphäre wird immer lockerer. Über Kirn geht es hinauf in den Hunsrück, den schwierigsten Teil für die noch etwa 40 Pacemakers. Romantische verschlafene Dörfer. Immer mal wieder Anfeuerung von den Menschen am Straßenrand.

Stärkung bei der letzten Station in Zell. Nach 308km der schwierigste Anstieg des Tages, hier dürfen nun alle so schnell hochfahren wie sie wollen. Ab oben wird wieder zusammen gefahren. Alle, die noch dabei sind, wissen nun, dass sie es jetzt nach Büchel schaffen werden. Euphorie im Fahrerfeld. Manch einer wurde die Berge hoch unterstützt. Diese Solidarität erstaunt vor allem unter dem Gesichtpunkt, dass sich morgens fast alle noch fremd waren. Inzwischen ist eine echte Gemeinschaft entstanden, die sich gegenseitig unterstützt.

21:20 Uhr, bei der Zielankunft in Büchel gibt es wieder viel Applaus. Es wehen Pace-Fahnen, Stellwände mit Infos über Atomwaffen, über die Abwürfe in Hiroshima und Nagasaki und zu Forderungen der Kampange "Auf keinem Auge blind - atomwaffenfrei bis 2020" sind aufgebaut. Wegen des kühlen Winds können allerdings weder die friedenspolitischen Reden, noch das wieder reichhaltige Essen genossen werden. So heißt es: Einpacken der Räder in die Begleitautos und Fahrt zum Hotel.

Die Tour wurde von zahlreichen Friedensorganisationen, einzelnen Helfern und öffentlichen Abordnungen auf faszinierende Weise unterstützt. An einigen Versorgungspunkten fanden sich die Bürgermeister ein, um dem Tourstopp bei zu wohnen und die Pacemakers zu begrüßen. Kurz vor dem Tourstart trat der Neustädter Oberbürgermeister Hans-Georg Löffler dem weltweiten Bündnis „Mayors for Peace“ bei, wie bereits zuvor Brettens OB Paul Metzger und erstaunlicherweise Bürgermeister Klaus Grumer (Landstuhl). Hiroshimas Bürgermeister Tadatoshi Akiba hatte Ende Mai nach der Kontaktaufnahme durch das Pacemakers-Team um Roland Blach in einem persönlichen Brief die Bürgermeister der Versorgungsstationen der Pacemakers-Tour dazu aufgerufen, diesem Bündnis bei zu treten. Ein Grußwort des Stuttgarter Bürgermeisters Klaus-Peter Murwaski, Schirmherr der Pacemakers, wurde in Büchel verlesen, da er sich zur selben Zeit an den Gedenkveranstaltungen in Hiroshima beteiligte.

Sportlich geleitet wurde die Tour vom Schwobaland-Extrem-Veranstalter Matthias Schempp, der mit Roland Blach von den Veranstaltern im Auto vorne weg fuhr und das Tempo machte. Christoph Fuhrbach hingegen fuhr als Veranstalter die gesamte Strecke im Feld mit. Stets vorne weg und das Feld leitend begleitete der Extremmarathonfahrer Mathias Guischard die Tour. Das Fahrerfeld wurde von der Polizei abgesichert und gegen den übrigen Verkehr abgeschirmt, so dass ein flüssiges Vorankommen stets gewährleistet war. Die Veranstaltung wurde von den Fahrern, den Stationen und Medien (u.a. SWR Fernsehen und Hörfunk, Sonntag aktuell, Rheinpfalz, Mannheimer Morgen, taz) so gut aufgenommen, dass eine Neuauflage für den 5.8.2006 angesetzt wurde, mit umgekehrter Route, von Büchel nach Ludwigsburg bei Stuttgart.

Das Vorbereitungsteam des Pacemakers-Radmarathon: Katja Goll ist engagierte Radlerin aus Möglingen, Christoph Fuhrbach Referent für weltkirchliche Aufgaben des Bistums Speyer, Roland Blach ist Landesgeschäftsführer der DFG-VK Baden-Württemberg